Sinkende Mitgliedszahlen, immer dünner werdende finanzielle Mittel, Gebäude, die verkauft werden – die Kirche steht vor großen Herausforderungen. Gleichzeitig findet ein Bedeutungsverlust statt, Formate und Sprache entsprechen nicht mehr der Lebensrealität vieler Menschen. Vor allem junge Menschen scheinen sich nicht mehr mit ihrer Kirchengemeinde zu identifizieren. Dabei haben sie eine Stimme, die gehört werden will. Was es braucht, sind Erwachsene, die sie ernst nehmen.
Rund 88 % der gesamten Mitarbeiterschaft in Kindergruppen bestehen aus ehrenamtlichen Mitarbeitenden – eine unverzichtbare Größe. Dabei sind rund 23 % zwischen 16 und 17 Jahre alt, 36 % zwischen 18 und 26 Jahren und 30% über 27 Jahre (Jugend zählt 2, S. 169). Sie gestalten demnach maßgeblich die Arbeit in der Kirchengemeinde mit.
Im Geleitwort zur groß angelegten Studie „Jugend zählt 2“ betonen Carmen Rivuzumwami und Wolfgang Schmidt: „Junge Menschen sind die Gegenwart von Kirche, weil sie schon jetzt in den unterschiedlichen Formen christlicher Gemeinschaft mitleben, mitglauben, mitgestalten, und Kirche mitbewegen. Damit Jugend wirklich in der Kirche zählt, sind entsprechende Rahmenbedingungen notwendig, die Partizipation und Teilhabe ermöglichen und stärken.“ (Jugend zählt 2, S. 18).
Trotzdem tragen sie wenig Verantwortung bei der Gestaltung von Kirche, sie sind wenig in Gremien und Leitungspositionen vertreten (Jugend zählt, S. 195).
Häufig scheitert es nicht am Wollen, sondern am konsequenten Ermöglichen. „Oft wird geglaubt, symbolische Gesten seien ausreichend oder Hauptamtliche könnten die junge Generation bereits genügend vertreten“ (Verantwortung jünger denken, S. 15).
Dabei kann die Beteiligung junger Menschen viel bewegen: „Ihre Ideen und Expertisen eröffnen neue Perspektiven, machen Kirche vielfältiger, kreativer und lebendiger. Mit Jugendbeteiligung arbeiten alle zusammen: Jung und Alt, frisch dabei oder alte Hasen“, meint Lara Sobbe, eine der Herausgeberinnen von „Verantwortung jünger denken“. Burkhard Schemm, ein weiterer Herausgeber, meint: „Oft äußern Jugendliche ihre Wünsche nach mehr Beteiligung gar nicht, weil sie denken, es sei ohnehin nicht erwünscht. Mangelnde Nachfrage kann also auch Resignation sein, nicht mangelndes Interesse. Wenn wir junge Menschen heute ermutigen, Kirche mitzugestalten, investieren wir in eine lebendige Gemeinde von morgen.“
Das ist auch die Motivation für „Verantwortung jünger denken“. Sie wollen damit ein Arbeitsbuch, eine Ideensammlung, einen Impulsgeber schaffen, um auf mehr Partizipation in Kirche aufmerksam zu machen. Sie sind sich sicher: „Beteiligung ist mehr als ein Prinzip – sie ist Ausdruck von Vertrauen, eine Einladung zur Verantwortung und gelebte Gemeinschaft.“
Was Kirche braucht, ist kein Generationenwechsel, sondern ein generationenübergreifendes Miteinander. Bianca Rolf erklärt das so: „Jugendbeteiligung bedeutet nicht, dass meine oder deine Meinung weniger zählt. Es hilft zu verstehen: Wir erweitern den Kreis derer, die gehört werden. Jugendliche bringen frische Perspektiven ein – das ergänzt Erfahrung und Tradition, anstatt sie zu verdrängen. So entsteht ein Miteinander, dass Kirche lebendig macht.“
„Verantwortung jünger denken“ ist kein Rezeptbuch, aber eine Zutatensammlung. Es liefert keine universellen Lösungen, sondern Perspektiven, Werkzeuge und Ideen für die Gemeindeentwicklung. Was dann noch fehlt, ist Mut und eine Änderung der Haltung. Leichter gesagt als getan. Wie gut, dass wir nicht allein sind in unserem Tun: „Tiefgreifender Wandel in Jugendarbeit und Gemeinde wird nicht durch sorgfältig formulierte Leitsätze geschehen, sondern durch Änderung des Herzens und damit der inneren Haltung. Auch dafür, wie für den ganzen Prozess der Veränderung und Erneuerung, dürfen wir auf die schöpferische Kraft des Heiligen Geistes und auf seine Hilfe vertrauen“ (Zusammen wirken, S. 70).
Im Artikel wurde zitiert aus:
Ilg, Wolfgang / Kuttler, Cornelius / Sommer, Kerstin (Hg.): Jugend zählt 2. Einblicke und Perspektiven aus der Statistik 2022 zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in den Evangelischen Landeskirchen Baden und Württemberg und ihrer Diakonie, buch+musik, Stuttgart 2024. Weitere Infos zum Buch findest du unter diesem Link.
Seidel-Humbuger, Ilse-Dore: Zusammen wirken. Veränderung gelingt nur gemeinsam! Methodische Prinzipien und Geistliche Perspektiven, buch+musik, Stuttgart 2024. Weitere Infos zum Buch findest du unter diesem Link.
Rolf, Bianca / Sobbe, Lara / vom Schemm, Burkhard: Verantwortung jünger denken. Jugendbeteiligung in Kirche vor Ort erlebbar machen – gemeinsam leiten, buch+musik, Stuttgart 2026. Weitere Infos zum Buch findest du unter diesem Link.
Das ganze Interview mit den Herausgebenden von „Verantwortung jünger denken“ findest du in der PlusPunkt-Ausgabe Frühjahr 2026. Über diesen Link kommst du zum Magazin.